Kristall

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Die Wohnung nebenan gehört den Kleinschmidts, einem älteren Ehepaar aus Bamberg. Frau Kleinschmidt war immer eine leidenschaftliche Sammlerin von Kristallfiguren gewesen. Einmal hat sie mir ihre Sammlung gezeigt – sie hatte wirklich Dutzende dieser kleinen Dinger in der Wohnung verteilt. Ihr liebstes Stück war ein Taubenpaar von Swarovski, das turtelnd die Köpfe zusammensteckte. Es war deutlich größer als die anderen Figuren, fast so groß wie zwei echte Tauben, und angeblich aus besonders reinem Kristall. Ihr Mann hatte es ihr zur Silberhochzeit geschenkt.
Vor ungefähr einem Jahr begannen die beiden, immer öfter zu streiten. Vergangenen Samstagabend ging das übliche Gebrüll bald in schrilles Dauerschreien über, begleitet von wütendem Hämmern. Dann war es plötzlich ganz still.
Ich rief die Polizei – die Beamten brachen die Tür auf. Die Wohnung war ein einziges Schlachtfeld, übersät mit den glitzernden Splittern der Kristallfiguren. Mitten im Wohnzimmer lag, mit zertrümmertem Schädel, Frau Kleinschmidt. Auf der Couch saß still und bleich ihr Mann, in seinen Händen das blutbeklebte Taubenpaar aus Kristall.

Lamm

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Meine Nachbarin hat sich im Herbst endgültig von ihrem Freund getrennt und sucht jetzt einen neuen. Zurzeit hat sie es auf mich abgesehen. Mehrmals die Woche lädt sie mich zum Essen ein. Sie ist viel zu dick, schminkt sich zu stark und redet pausenlos. Außerdem kann ich ihr Parfüm nicht ausstehen. Sie kocht allerdings so fantastisch, dass ich ständig an sie denken muss. Ihr zartes Rosmarinlamm von gestern Abend hat mich sogar bis in meine Träume verfolgt.

Jackpot

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Herr Schröder aus dem sechsten Stock hat vor ein paar Wochen den Lotto-Super-Jackpot geknackt. Danach war er für eine Weile wie vom Erdboden verschluckt. Vergangenen Sonntag ist er mir im Park begegnet, in Begleitung von zwei kräftigen, schwarzgekleideten Männern. Ich lief auf Herrn Schröder zu und wollte ihm gerade zu seinem Gewinn gratulieren, als mir einer seiner Begleiter mit Wucht in den Bauch trat. Der zweite fing mich auf und lud mich auf einer Parkbank ab. Teilnahmslos sah Herr Schröder zu, wie ich mich vor Schmerzen krümmte und nach Luft rang. Dann zogen die drei ab. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis ich wieder normal atmen konnte. Ich mache Herrn Schröder aber keinen Vorwurf. Ich würde mir auch Bodyguards zulegen, wenn ich reich wäre. Man weiß ja nie.

Tabletten

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Meine Nachbarin war über 80, sie hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium und konnte sich kaum mehr bewegen. Als ich eines Abends nach Hause kam, stand der Leichenwagen vor der Tür. Mit Tränen in den Augen erklärte mir Herr W., der im ersten Stock wohnt und der alten Dame sehr nahe gestanden hatte, dass sie sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen habe. Zu meiner Überraschung überreichte er mir ein kleines Päckchen, das die Nachbarin mir hinterlassen hatte. Ich ging damit in meine Wohnung und öffnete es in der verschämten Hoffnung, es wäre vielleicht Geld oder wertvoller Schmuck darin. Es enthielt aber nur zwei Packungen Schlaftabletten, eine davon angebrochen, und einen Brief mit folgendem Wortlaut: „Lieber Herr Nachbar, leider habe ich Ihnen nur eine kleine Bitte zu hinterlassen. Tun Sie mir den Gefallen und entsorgen Sie die restlichen Tabletten. Ich möchte nicht, dass Herr W. sie nach meinem Tod findet, sonst kommt er mir am Ende noch hinterher.“

Harz

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Graueich, der direkt über mir wohnt, ist ein Riesenwaldmensch. Lange Zeit hat er dort oben zusammen mit seiner Freundin gewohnt, aber vor kurzem hat sie ihn verlassen. Seither höre ich Graueich jede Nacht in seinem Bett weinen. Weil Riesenwaldmenschen Tränen aus Harz weinen und außerdem über zwei Meter groß sind, vermute ich, dass sich Nacht für Nacht eine ziemliche Menge Harz in Graueichs Bett ergießt. Es muss sehr unangenehm sein, stundenlang in einer klebrigen Harzpfütze zu liegen. Ob man das Zeug wohl jemals wieder aus den Laken herausbekommt?

Segnung

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Meine Nachbarin hält mich für einen Heiligen. Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, fällt sie vor mir auf die Knie, küsst meine Hände und ruft etwas wie „Dich hat der Herr zu mir geschickt!“ Anfangs war mir das natürlich extrem peinlich, und ich habe jedes Mal versucht, ihr klar zu machen, dass ich kein Heiliger bin, sondern einfach nur ihr Nachbar. Mittlerweile habe ich mich aber einigermaßen an meine Rolle gewöhnt, und wenn gerade niemand zuschaut, tue ich ihr sogar den Gefallen, sie zu segnen.

Streit

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In die Wohnung nebenan sind vor kurzem Katzen eingezogen. Es scheint eine solide Familie zu sein: Vater und Mutter gehen abwechselnd auf die Jagd und schleppen Mäuse, Vögel und anderes Kleingetier an. Der jeweils andere Elternteil bleibt solange bei den Kindern. Manchmal sehe ich die Kleinen auch mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft im Innenhof spielen. Als Nachbarn sind sie alle vollkommen unkompliziert, vorbildlich sauber und sehr leise. Ich kann mich wirklich nicht beschweren. Allerdings finde ich sie auch nicht sonderlich interessant und habe kein großes Bedürfnis danach, sie näher kennenzulernen. Wie anders war es da mit den vorigen Nachbarn, einem jungen Papageienpärchen, beide sehr stolz und temperamentvoll und immer ein erfreulicher Anblick in ihren knallbunten Federkleidern. Dafür sind sie mir aber oft schrecklich auf die Nerven gegangen, vor allem dann, wenn sie sich den ganzen Abend gestritten haben, was nicht selten vorkam. Ich habe mich oft gefragt, wie man zusammenleben kann, wenn man sich ständig streitet.

Schuld

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Mein Nachbar ist ein ehemaliger Investmentbanker. Seit Ausbruch der Finanzkrise plagen ihn furchtbare Schuldgefühle. Er hat seinen Job gekündigt und arbeitet jetzt bei einer kirchlichen Schuldnerberatungsstelle. In seiner Freizeit hilft er in einer Suppenküche für Obdachlose und engagiert sich außerdem für die Rekommunalisierung der städtischen Wasserversorgung. Wie er mir vor kurzem gestanden hat, haben die Schuldgefühle aber bisher kaum nachgelassen. Er denkt deshalb darüber nach, sich ein Dollarzeichen auf die Stirn tätowieren zu lassen, um sich der öffentlichen Demütigung preiszugeben.

Bombe

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Im zweiten Stock wohnen ein Mann und eine Frau, die irgendwie unheimlich sind. Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber jedes Mal, wenn ich ihnen im Hausflur begegne, stellen sich mir buchstäblich die Nackenhaare auf. Sie begegnen mir fast immer gemeinsam, was mein Misstrauen noch vertieft, denn ich glaube nicht, dass die beiden ein Paar sind. Ich weiß, es ist Unsinn, aber wenn ich spätabends an ihrer Wohnungstür vorbeigehe und drinnen brennt noch Licht, dann stelle ich mir unwillkürlich vor, dass sie gerade tief über einen Stadtplan gebeugt am Küchentisch sitzen und sich flüsternd darüber unterhalten, welcher Ort wohl am besten dafür geeignet wäre, sich in die Luft zu sprengen.

Zuverdienst

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Der Förster aus dem Erdgeschoss ist seit vielen Jahren arbeitslos. Um sein Arbeitslosengeld aufzubessern, hat er vor kurzem mit der Stadtverwaltung ausgehandelt, dass er im Park neben unserer Wohnanlage Kaninchen schießen darf. Der Stadtverwaltung kommt das sehr gelegen, denn die Kaninchen haben sich in den letzten Jahren rasant vermehrt und fressen die Grünflächen und Blumenbeete kahl. Außerdem verlangt mein Nachbar kein Geld für seine Dienste. Stattdessen verkauft er das Fleisch der Kaninchen auf dem hiesigen Wochenmarkt, ebenso wie Mützen und Pantoffeln, die er aus den Fellen der Tiere näht. Ihm tut die neue Aufgabe sichtlich gut. Er trägt jetzt wieder mit Stolz seine waldgrüne Kluft und grüßt immer sehr höflich, wenn man ihm im Treppenhaus oder auf der Straße begegnet.