Engel

berlin kosmosviertel 3zu2

Sein Leben lang hat Herr Moritz allen etwas vorgemacht. Jedem, der das Pech hatte, ihm zu begegnen, hat er zuerst Honig ums Maul geschmiert und ihn dann nach Strich und Faden ausgenommen. Mich hat er vor Jahren einmal um 200 Mark betrogen – und damit bin ich noch sehr gut weggekommen. Trotzdem bin ich Anfang der Woche zu seiner Beerdigung gegangen. Außer einer Handvoll Familienangehöriger, dem Pfarrer und mir nahm nur eine ältere Frau teil, die gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Beim Kaffee nach der Trauerfeier saß ich neben ihr. Der Didi, schluchzte sie und meinte damit natürlich Herrn Moritz, der Didi sei der großzügigste und liebevollste Mann gewesen, dem sie jemals begegnet sei, auf ewig werde sie ihm dankbar sein. Als ihr Mann krank geworden sei, habe er dafür gesorgt, dass er die bestmögliche Behandlung bekomme. Und nachdem er gestorben war, habe er ihre Familie unterstützt, wo er nur konnte, habe ihr und den Kindern über Jahre hinweg den Lebensunterhalt bezahlt und ihrem Ältesten schließlich sogar das Studium finanziert. „Ein echter Engel“, brachte sie noch heraus, dann erstickte das Weinen ihre Stimme.