Erinnerung

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Im Haus gegenüber wohnt ein freundlicher älterer Herr, der immer auf sehr altmodische Weise elegant gekleidet ist. Als ich am Sonntag beim Bäcker um die Ecke Brötchen kaufen war, saß er dort an einem Tisch und trank Kaffee. Ein kleiner Junge trat zu ihm und fragte schüchtern, ob er ihn für die Klassenzeitung über sein bestimmt doch sehr langes Leben interviewen dürfe. Der alte Herr lächelte und antwortete: „Ach weißt du, Kleiner, ich möchte eigentlich lieber Kaffee trinken als mich erinnern. Außerdem bin ich kein besonders talentierter Geschichtenerzähler. Du findest ganz bestimmt einen viel besseren Interviewpartner als mich.“

Nichts

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Über Herrn Baumgarten, der seit Jahren auf demselben Stock wohnt wie ich, gibt es nichts zu sagen. Er ist immer höflich, macht keinen Lärm, geht morgens früh zur Arbeit, kommt spät nach Hause und hat fast nie Besuch. Es macht mich bald wahnsinnig, dass es wirklich nichts, nichts, nichts über ihn zu erzählen gibt!

Engel

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Sein Leben lang hat Herr Moritz allen etwas vorgemacht. Jedem, der das Pech hatte, ihm zu begegnen, hat er zuerst Honig ums Maul geschmiert und ihn dann nach Strich und Faden ausgenommen. Mich hat er vor Jahren einmal um 200 Mark betrogen – und damit bin ich noch sehr gut weggekommen. Trotzdem bin ich Anfang der Woche zu seiner Beerdigung gegangen. Außer einer Handvoll Familienangehöriger, dem Pfarrer und mir nahm nur eine ältere Frau teil, die gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Beim Kaffee nach der Trauerfeier saß ich neben ihr. Der Didi, schluchzte sie und meinte damit natürlich Herrn Moritz, der Didi sei der großzügigste und liebevollste Mann gewesen, dem sie jemals begegnet sei, auf ewig werde sie ihm dankbar sein. Als ihr Mann krank geworden sei, habe er dafür gesorgt, dass er die bestmögliche Behandlung bekomme. Und nachdem er gestorben war, habe er ihre Familie unterstützt, wo er nur konnte, habe ihr und den Kindern über Jahre hinweg den Lebensunterhalt bezahlt und ihrem Ältesten schließlich sogar das Studium finanziert. „Ein echter Engel“, brachte sie noch heraus, dann erstickte das Weinen ihre Stimme.

Verfolgung

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In meinem Kellerverschlag versteckt sich ein Vampir. Letzte Woche habe ich ihn zufällig entdeckt und natürlich sofort zur Rede gestellt. Er brach in Tränen aus und flehte, ich möge ihm erlauben zu bleiben und ihn bitte nicht verraten. Kein Friedhof, kein Schlossgemäuer und keine Grotte seien mehr sicher. Kein Vampirjäger und kein Exorzismus habe ihm je so zugesetzt wie die unzähligen pubertierenden Mädchen, die ihn seit ein paar Jahren unerbittlich verfolgten.