Warmherzig

magdeburg 3zu2

Frau Schulte, Janina Schulte, ist vergangenes Jahr hier eingezogen. Sie ist sehr hübsch, sehr intelligent und sehr liebenswürdig. Eine Zeit lang habe ich sie immer wieder zum Abendessen eingeladen. Sie hatte aber immer irgendeine Ausrede, warum sie nicht kommen konnte, und irgendwann habe ich es aufgegeben. Seit kurzem scheint sie einen Freund zu haben. Wenn ich ihr jetzt im Hausflur begegne, hat sie immer so ein verliebtes Glänzen in den Augen. Auch ihr „Hallo“ klingt auf einmal viel warmherziger als früher.

Literatur

eisenhüttenstadt4 3zu2

Im Haus gegenüber hat lange ein echter Schriftsteller gewohnt. Angeblich hat er über Jahre hinweg praktisch unablässig an einem einzigen Roman gearbeitet. Ich bin ihm nur ein einziges Mal begegnet. Eines Abends, es muss im Frühjahr gewesen sein, stand er am Ufer des Kanals und starrte bewegungslos auf das trübe Wasser. Ich kam gerade vom Einkaufen, grüßte freundlich, er aber beachtete mich nicht. Es nahm kein gutes Ende mit ihm. Letzte Woche fand man ihn tot in seiner Wohnung. Sämtliche Seiten des Romanmanuskripts hatte er zu Papierschiffchen gefaltet und sich dann erhängt.

Partner

berlin pberg2 3zu2

Herr Masri aus dem siebten hat einen nagelneuen S-Klasse-Mercedes, und das obwohl er die meiste Zeit des Tages in seiner Wohnung sitzt und fernsieht. Mir ist allerdings aufgefallen, dass er öfters Besuch bekommt von ziemlich finster dreinschauenden Gestalten. Ich wette, er handelt mit Waffen, Drogen oder Frauen. Oder er ist Terrorist. Oder alles zusammen.
Jedes Mal, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, blinzle ich ihm zu. Er lässt sich aber nichts anmerken und grüßt immer ganz normal zurück. Wenn wir uns ein bisschen besser kennen gelernt haben, werde ich ihn fragen, ob er mir eine Kalaschnikow verkauft. Ich träume schon lange davon, ein eigenes Maschinengewehr zu haben. Und wer weiß, vielleicht werden wir am Ende ja sogar Geschäftspartner.

Zuspruch

eisenhüttenstadt 3zu2

Als ich letztes Wochenende meine alte Stehlampe auf den Dachboden bringen wollte, traf ich da oben die junge Nachbarin aus dem ersten Stock. Sie stand am Fenster, bereit zu springen. Ich konnte sie in ein Gespräch verwickeln, und nach einigem Zögern erzählte sie mir die ganze traurige Geschichte ihres Lebens. Ich hätte natürlich gern ein freundlicheres Licht auf einzelne Ereignisse geworfen, aber was sie mir erzählte war so schrecklich, dass mir nichts einfiel, was sie hätte aufmuntern können. Schließlich musste ich zugeben, dass mir ihre Lage ziemlich hoffnungslos schien und ich beim besten Willen keinen Ausweg sehen konnte. Meine Nachbarin seufzte erleichtert. Dann drückte sie mir dankbar die Hand und sprang aus dem Fenster. Die Stehlampe habe ich übrigens wieder mit in meine Wohnung genommen. Sie steht jetzt neben der Kommode im Schlafzimmer.