Klatsch

schwerin2 3zu2

Heute Vormittag habe ich die alte Frau Scheper aus dem vierten im Krankenhaus besucht. Sie liegt im Sterben. Ich setzte mich an ihr Bett und nahm ihre bleiche, runzlige Hand, die fast nichts mehr wog. Frau Scheper öffnete die Augen und sagte: „Keine Angst, mein Junge, es ist gar nicht so schlimm. Im Gegenteil. Sterben ist viel langweiliger, als ich gedacht habe. Vor lauter Therapie und Medikamenten habe ich noch nicht einmal Schmerzen.“ Dann schloss sie die Augen wieder und bat mich, ihr die neusten Geschichten aus der Nachbarschaft zu erzählen. Ob eigentlich der nette Herr Neumann aus dem zweiten immer noch so häufig Damenbesuch bekomme.

Wettbewerb

erfurt 3zu2

Meine Nachbarin ist wunderschön und hat zahllose Verehrer. Die Männer geben wirklich alles, um ihr Herz zu erobern und überbieten sich ständig. Nachdem der eine kürzlich einen ganzen Abend lang Liebeslieder unter ihrem Balkon gesungen hatte, karrte ein anderer gleich eine ganze Band heran. Wieder ein anderer brachte ein riesiges Transparent mit einer Liebesbotschaft an der Hauswand an, woraufhin der nächste eines Nachts das ganze Treppenhaus mit roten Rosen dekorierte. Mittlerweile ist allerdings die Hausverwaltung auf die Sache aufmerksam geworden und hat alle Hausbewohner per Aushang dazu aufgefordert, dem Treiben ein Ende zu machen.

Erinnerung

cottbus zentrum2 3zu2

Im Haus gegenüber wohnt ein freundlicher älterer Herr, der immer auf sehr altmodische Weise elegant gekleidet ist. Als ich am Sonntag beim Bäcker um die Ecke Brötchen kaufen war, saß er dort an einem Tisch und trank Kaffee. Ein kleiner Junge trat zu ihm und fragte schüchtern, ob er ihn für die Klassenzeitung über sein bestimmt doch sehr langes Leben interviewen dürfe. Der alte Herr lächelte und antwortete: „Ach weißt du, Kleiner, ich möchte eigentlich lieber Kaffee trinken als mich erinnern. Außerdem bin ich kein besonders talentierter Geschichtenerzähler. Du findest ganz bestimmt einen viel besseren Interviewpartner als mich.“

Nichts

magdeburg2 3zu2

Über Herrn Baumgarten, der seit Jahren auf demselben Stock wohnt wie ich, gibt es nichts zu sagen. Er ist immer höflich, macht keinen Lärm, geht morgens früh zur Arbeit, kommt spät nach Hause und hat fast nie Besuch. Es macht mich bald wahnsinnig, dass es wirklich nichts, nichts, nichts über ihn zu erzählen gibt!

Engel

berlin kosmosviertel 3zu2

Sein Leben lang hat Herr Moritz allen etwas vorgemacht. Jedem, der das Pech hatte, ihm zu begegnen, hat er zuerst Honig ums Maul geschmiert und ihn dann nach Strich und Faden ausgenommen. Mich hat er vor Jahren einmal um 200 Mark betrogen – und damit bin ich noch sehr gut weggekommen. Trotzdem bin ich Anfang der Woche zu seiner Beerdigung gegangen. Außer einer Handvoll Familienangehöriger, dem Pfarrer und mir nahm nur eine ältere Frau teil, die gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Beim Kaffee nach der Trauerfeier saß ich neben ihr. Der Didi, schluchzte sie und meinte damit natürlich Herrn Moritz, der Didi sei der großzügigste und liebevollste Mann gewesen, dem sie jemals begegnet sei, auf ewig werde sie ihm dankbar sein. Als ihr Mann krank geworden sei, habe er dafür gesorgt, dass er die bestmögliche Behandlung bekomme. Und nachdem er gestorben war, habe er ihre Familie unterstützt, wo er nur konnte, habe ihr und den Kindern über Jahre hinweg den Lebensunterhalt bezahlt und ihrem Ältesten schließlich sogar das Studium finanziert. „Ein echter Engel“, brachte sie noch heraus, dann erstickte das Weinen ihre Stimme.

Verfolgung

cottbus sandow2 3zu2

In meinem Kellerverschlag versteckt sich ein Vampir. Letzte Woche habe ich ihn zufällig entdeckt und natürlich sofort zur Rede gestellt. Er brach in Tränen aus und flehte, ich möge ihm erlauben zu bleiben und ihn bitte nicht verraten. Kein Friedhof, kein Schlossgemäuer und keine Grotte seien mehr sicher. Kein Vampirjäger und kein Exorzismus habe ihm je so zugesetzt wie die unzähligen pubertierenden Mädchen, die ihn seit ein paar Jahren unerbittlich verfolgten.

Warmherzig

magdeburg 3zu2

Frau Schulte, Janina Schulte, ist vergangenes Jahr hier eingezogen. Sie ist sehr hübsch, sehr intelligent und sehr liebenswürdig. Eine Zeit lang habe ich sie immer wieder zum Abendessen eingeladen. Sie hatte aber immer irgendeine Ausrede, warum sie nicht kommen konnte, und irgendwann habe ich es aufgegeben. Seit kurzem scheint sie einen Freund zu haben. Wenn ich ihr jetzt im Hausflur begegne, hat sie immer so ein verliebtes Glänzen in den Augen. Auch ihr „Hallo“ klingt auf einmal viel warmherziger als früher.

Literatur

eisenhüttenstadt4 3zu2

Im Haus gegenüber hat lange ein echter Schriftsteller gewohnt. Angeblich hat er über Jahre hinweg praktisch unablässig an einem einzigen Roman gearbeitet. Ich bin ihm nur ein einziges Mal begegnet. Eines Abends, es muss im Frühjahr gewesen sein, stand er am Ufer des Kanals und starrte bewegungslos auf das trübe Wasser. Ich kam gerade vom Einkaufen, grüßte freundlich, er aber beachtete mich nicht. Es nahm kein gutes Ende mit ihm. Letzte Woche fand man ihn tot in seiner Wohnung. Sämtliche Seiten des Romanmanuskripts hatte er zu Papierschiffchen gefaltet und sich dann erhängt.

Partner

berlin pberg2 3zu2

Herr Masri aus dem siebten hat einen nagelneuen S-Klasse-Mercedes, und das obwohl er die meiste Zeit des Tages in seiner Wohnung sitzt und fernsieht. Mir ist allerdings aufgefallen, dass er öfters Besuch bekommt von ziemlich finster dreinschauenden Gestalten. Ich wette, er handelt mit Waffen, Drogen oder Frauen. Oder er ist Terrorist. Oder alles zusammen.
Jedes Mal, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, blinzle ich ihm zu. Er lässt sich aber nichts anmerken und grüßt immer ganz normal zurück. Wenn wir uns ein bisschen besser kennen gelernt haben, werde ich ihn fragen, ob er mir eine Kalaschnikow verkauft. Ich träume schon lange davon, ein eigenes Maschinengewehr zu haben. Und wer weiß, vielleicht werden wir am Ende ja sogar Geschäftspartner.

Zuspruch

eisenhüttenstadt 3zu2

Als ich letztes Wochenende meine alte Stehlampe auf den Dachboden bringen wollte, traf ich da oben die junge Nachbarin aus dem ersten Stock. Sie stand am Fenster, bereit zu springen. Ich konnte sie in ein Gespräch verwickeln, und nach einigem Zögern erzählte sie mir die ganze traurige Geschichte ihres Lebens. Ich hätte natürlich gern ein freundlicheres Licht auf einzelne Ereignisse geworfen, aber was sie mir erzählte war so schrecklich, dass mir nichts einfiel, was sie hätte aufmuntern können. Schließlich musste ich zugeben, dass mir ihre Lage ziemlich hoffnungslos schien und ich beim besten Willen keinen Ausweg sehen konnte. Meine Nachbarin seufzte erleichtert. Dann drückte sie mir dankbar die Hand und sprang aus dem Fenster. Die Stehlampe habe ich übrigens wieder mit in meine Wohnung genommen. Sie steht jetzt neben der Kommode im Schlafzimmer.